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Als der Rhein noch rauchte: Wo Kölns Fabriken heute weiterleben

Entdecken Sie, was aus den Kölner Clouth-Werken und dem Carlswerk wurde – und wie Industriegeschichte in Bonn und Düsseldorf neue Formen annimmt.

Kölle-Bewegt · 2026-11-03
Rhein und Wirtschaft
Rhein und Wirtschaft · Rhein Bewegt

Wo heute Wohnungen entstehen, Unternehmen arbeiten und Kulturveranstaltungen stattfinden, liefen einst Maschinen im Schichtbetrieb. Kölns Industriegeschichte steckt nicht nur in Archiven: In Nippes und Mülheim sind ehemalige Fabrikgelände zu neuen Stadtorten geworden. Wer die Gebäude und ihre frühere Nutzung kennt, sieht die vertraute Stadt mit anderen Augen.

Auch Bonn und Düsseldorf erzählen vom Wandel der rheinischen Industrie. Dort wurden unter anderem Zement, Brot, Jute, Stahl und Waschmittel produziert. Einige Fabrikhallen verschwanden, andere erhielten neue Aufgaben. Eine Zeitreise zu sieben Orten zeigt, was geblieben ist – und was sich grundlegend verändert hat.

Der Rhein als Transportweg und Wirtschaftsader

Lange bevor Autobahnen und moderne Logistikzentren den Güterverkehr prägten, verband der Rhein Industriestädte mit Rohstoffquellen und Absatzmärkten. Schiffe brachten etwa Kohle, Erz und Holz in die Region; fertige Waren konnten von dort weitertransportiert werden.

Im 19. Jahrhundert veränderte die Industrialisierung das Rheinland. Aus kleineren Betrieben wurden große Fabriken, und rund um die Werke wuchsen Arbeiterviertel. Sirenen, Schichtwechsel und Eisenbahnen gaben vielerorts den Takt vor. Die Industrie schuf Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Wohlstand. Für viele Beschäftigte bedeutete sie zugleich körperlich anstrengende Arbeit, lange Arbeitszeiten und erhebliche Unfallrisiken.

Heute sind die Fabriken oft verschwunden oder umgenutzt. Mancherorts erinnern Backsteinfassaden, Werkstore und Stahlkonstruktionen an die Produktion. In Köln lässt sich dieser Wandel besonders gut an zwei großen Standorten nachvollziehen.

Köln: Gummi in Nippes, Kabel in Mülheim

Clouth-Werke: Vom Gummibetrieb zum Quartier

Die Rheinische Gummiwarenfabrik Franz Clouth nahm 1868 in Köln-Nippes den Betrieb auf. Sie stellte unter anderem Förderbänder und technische Gummiwaren her und prägte den Stadtteil über mehr als ein Jahrhundert. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein großer Teil des Werks zerstört; nach Kriegsende begann die Produktion erneut.

Alte Fabriken am Rhein
Alte Fabriken am Rhein · Rhein Bewegt

1962 beschäftigte das Unternehmen mehr als 2.200 Menschen. Die Gummiwarenproduktion endete 1992. Mit dem Ende der Förderbandfertigung im Dezember 2005 kam auch die industrielle Produktion am Standort zum Abschluss.

Auf dem rund 14,5 Hektar großen Gelände liegt heute das Clouth-Quartier mit Wohnungen, Büros, Bildungseinrichtungen und Gastronomie. Einige historische Gebäude wurden in die neue Bebauung integriert. Ein markantes Beispiel ist die ehemalige Halle 17: Ihre Backsteinfassade und Stahlkonstruktion sind Teil eines modernen Wohn- und Gewerbekomplexes. Das Quartier bietet Wohnraum für ungefähr 3.000 Menschen.

Die Geschichte des Werks ist dort nicht nur an einzelnen Gebäuden abzulesen. 2023 wurde im Clouth-Quartier ein historischer Pfad mit 14 Stationen eröffnet, der die industrielle Vergangenheit des Geländes dokumentiert. So können heutige Nachbarinnen und Nachbarn die frühere Nutzung des Orts kennenlernen, an dem sich inzwischen ein ganzes Stadtviertel entwickelt hat.

Als es am Rhein noch rauchte
Als es am Rhein noch rauchte · Rhein Bewegt

Carlswerk: Draht und Kabel mit internationaler Bedeutung

In Köln-Mülheim eröffnete Felten & Guilleaume 1874 einen großen Produktionsstandort für Draht und Kabel. Die Erzeugnisse aus dem Carlswerk kamen bei Infrastrukturprojekten zum Einsatz. 1904 war der Standort an der Herstellung eines frühen transatlantischen Telefonkabels beteiligt. Auch die Tragseile der Mülheimer und der Rodenkirchener Brücke stammten aus der Produktion.

Zeitweise arbeiteten in der Draht- und Kabelfertigung bis zu 18.000 Menschen. Heute befinden sich auf dem Gelände Arbeitsplätze, Veranstaltungsräume, Gastronomie und Freizeitangebote. Historische Hallen wurden umgebaut und teilweise unter Denkmalschutz gestellt. Wo früher Produkte für Verbindungen über weite Entfernungen entstanden, finden inzwischen auch Konzerte und Kulturveranstaltungen statt.

Clouth und Carlswerk zeigen zwei Seiten des Kölner Strukturwandels: In Nippes entstand ein neues Wohnquartier; in Mülheim erhielten ehemalige Produktionsgebäude vielfältige Arbeits- und Kulturfunktionen. Gemeinsam ist beiden Orten, dass historische Bauteile an die industrielle Vergangenheit erinnern.

Fabriken und mehr
Fabriken und mehr · Rhein Bewegt

Düsseldorf und Meerbusch: Stahlhallen und Seifenpulver

Areal Böhler: Industriearchitektur mit neuer Nutzung

Das Areal Böhler liegt an der Stadtgrenze zwischen Düsseldorf und Meerbusch. 1914 begann dort die Geschichte eines großen Stahlwerks. Über Jahrzehnte wurden in den Anlagen Stahlerzeugnisse hergestellt und verarbeitet. Als sich die Stahlindustrie wandelte, verlor der Standort seine ursprüngliche Funktion. Nach der Stilllegung der Produktion begann ab 2012 die schrittweise Revitalisierung.

Heute ist das ehemalige Werksgelände ein Standort für Unternehmen, Messen, Sport, Gastronomie und Veranstaltungen. Große Hallen, Backsteinfassaden und Stahlkonstruktionen erinnern weiterhin an die industrielle Nutzung. Die Räume können damit eine neue Rolle übernehmen, ohne dass ihre Herkunft ganz aus dem Stadtbild verschwindet.

Schwanenhöfe: Ein Waschmittel prägt den Namen

Im Düsseldorfer Stadtteil Flingern wurde 1897 an der Erkrather Straße eine Produktionsstätte für Seifenpulver eingerichtet. Das Produkt Dr. Thompson’s Seifenpulver trug als Markenzeichen einen weißen Schwan auf roter Verpackung. 2011 entstand auf dem historischen Gelände das Quartier Schwanenhöfe.

Heute verbinden dort zehn Gebäude mit unterschiedlicher industrieller Vergangenheit Unternehmen, kreative Arbeitsbereiche, Gastronomie und Veranstaltungsangebote. Der Name erinnert an das frühere Markenmotiv – und damit an eine Produktgeschichte, die sonst leicht in Vergessenheit geraten könnte.

Bonn-Beuel: Zement, Brot und Jute

Bonn ist vielen vor allem als Beethovenstadt, Universitätsstadt und frühere Bundeshauptstadt bekannt. Doch insbesondere Beuel gehörte einst zu den Industriestandorten des Rheinlands. Hier wurden unter anderem Zement, Backwaren und Juteprodukte hergestellt.

Bonner Bogen: Vom Zementwerk zum Stadtquartier

1858 nahm in Bonn-Ramersdorf eine Zementfabrik den Betrieb auf. Sie gehörte zu den frühen bedeutenden Herstellern von Portlandzement in Deutschland. Der Betrieb endete 1987; die meisten Fabrikgebäude wurden abgerissen. Erhalten blieben unter anderem die Rohmühle, ein Wasserturm und die ehemalige Fabrikantenvilla.

Seit Beginn der 2000er-Jahre entstand auf dem früheren Industriegelände der Bonner Bogen, heute ein Büro- und Dienstleistungsstandort mit Hotels, Restaurants und Rheinpromenade. Die historische Rohmühle wurde saniert und durch moderne Architektur ergänzt. Wo einst Zement gemahlen wurde, befinden sich heute Büroflächen und Gastronomie.

Brotfabrik Beuel: Backöfen weichen der Kultur

August Osberghaus gründete 1903 die Germania-Brotfabrik in Bonn-Beuel. In den 1970er-Jahren konnten dort bis zu 1.200 Brote pro Stunde hergestellt werden. 34 Lieferfahrzeuge belieferten täglich Hunderte Kunden. 1984 endete die Produktion.

Das Gebäude erhielt eine neue Aufgabe: Künstlerinnen und Künstler suchten Räume für Theater, Film und kulturelle Veranstaltungen. 1986 begann der Spielbetrieb. Aus der ehemaligen Fabrik entwickelte sich ein Kulturzentrum mit Theater, Kino, Tanz und weiteren Angeboten. Die Backstube wurde zum Ort für Bühnen- und Filmpublikum.

Jutefabrik Beuel: Vom Verpackungsmaterial zum Kulturort

An der Siegburger Straße entstand im 19. Jahrhundert eine große Jutespinnerei und Weberei. Aus Jute wurden unter anderem Säcke, Gewebe und Verpackungsmaterialien für Handel, Landwirtschaft und Industrie gefertigt. Vor dem Ersten Weltkrieg waren zeitweise bis zu 1.500 Menschen im Betrieb beschäftigt.

Später stellte das Werk auf andere Materialien um; produziert wurden unter anderem Kunstleder, Bodenbeläge und Kunststoffprodukte. 1980 wurde der Betrieb eingestellt. Die Stadt Bonn übernahm das Gelände und nutzte Teile der Gebäude für Theater- und Werkstattzwecke. Seit 2016 befindet sich dort auch das Pantheon-Theater.

Hinter den Hallen stehen Arbeits- und Familiengeschichten

Die alten Fabriken erzählen nicht nur von Architektur und Technik. Sie waren Arbeitsplätze, an denen Schichtpläne den Alltag bestimmten. In den Hallen herrschten Lärm, Staub und teilweise gefährliche Bedingungen. Manche Beschäftigte verbrachten einen großen Teil ihres Berufslebens im selben Unternehmen; mitunter arbeiteten mehrere Generationen einer Familie im selben Werk.

Rund um die Betriebe entstanden Wohnviertel, Geschäfte, Gaststätten und Vereine. Wenn eine Produktion endete, verschwand daher nicht nur ein Arbeitsplatz. Für viele Menschen verlor auch ein vertrauter Teil ihres Alltags seine Grundlage. Geschichtsvereine, ehemalige Beschäftigte und lokale Initiativen bewahren solche Erinnerungen.

Was bei der Umnutzung erhalten bleibt

Die Umwandlung ehemaliger Industrieflächen schafft Raum für Wohnungen, Arbeitsplätze und Kultur. Zugleich stellt sie die Frage, wie viel historische Substanz bewahrt werden soll. Werden alle Gebäude abgerissen, wird die frühere Nutzung schwerer sichtbar. Bleiben markante Hallen oder Werksteile erhalten, können neue Funktionen mit einer lesbaren Vergangenheit verbunden werden.

Die Kölner Beispiele machen diesen Wandel besonders greifbar: Auf dem Clouth-Gelände ist ein Wohnquartier entstanden, während das Carlswerk Industriehallen für neue Nutzungen bewahrt. In Bonn und am Areal Böhler zeigt sich ebenfalls, wie aus Produktionsorten Stadtquartiere und Veranstaltungsstandorte werden können.

Wer durch diese Areale kommt, begegnet deshalb mehr als moderner Architektur. Gummi aus Nippes, Draht und Kabel aus Mülheim, Stahl aus dem Raum Düsseldorf und Zement, Brot und Jute aus Bonn gehören zur Geschichte des Rheinlands. Die Fabriken sind vielerorts verschwunden – ihre Spuren und die Geschichten der Menschen, die dort arbeiteten, bleiben Teil der Städte.

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