Wer über den Kölner Rathausplatz geht, sieht den Alltag der Innenstadt. Unter und neben dem historischen Rathaus liegen jedoch Spuren, die weit über die Stadtgeschichte Kölns hinausweisen: die Überreste eines römischen Regierungspalastes und eines mittelalterlichen jüdischen Viertels. Auch Düsseldorf und Bonn bewahren unter Straßen und Gebäuden Zeugnisse ihrer Vergangenheit. Ein Blick in den Untergrund zeigt, wie unterschiedlich sich die drei Rheinmetropolen entwickelt haben – und warum selbst ein gewöhnlicher Stadtspaziergang plötzlich eine andere Tiefe bekommt.
Köln: Römische Macht und jüdisches Leben unter dem Rathaus
Das Kölner Praetorium war der Amtssitz des römischen Statthalters der Provinz Niedergermanien. Der Gebäudekomplex entstand im ersten Jahrhundert nach Christus und wurde über mehrere Jahrhunderte erweitert und umgebaut. Repräsentative Räume, Wandmalereien, Mosaikböden und eine Thermenanlage gehörten zu der Anlage. Hier wurde nicht nur gewohnt: Der Palast war ein Ort der Verwaltung und politischer Entscheidungen.
Das Besondere am Fundort ist die Lage mitten in der heutigen Stadt. Die römischen Überreste befinden sich unter und neben dem historischen Rathaus. Kölns Vergangenheit ist hier keine weit entfernte Kulisse, sondern liegt unmittelbar unter einem zentralen Platz des gegenwärtigen Stadtlebens.
Doch die römische Schicht ist nur ein Teil der Geschichte. Im Mittelalter entwickelte sich in diesem Bereich ein bedeutendes jüdisches Quartier. Bei archäologischen Untersuchungen kamen unter anderem Wohnhäuser, eine Synagoge und eine Mikwe zum Vorschein. Der Schacht des Ritualbades reicht etwa 17 Meter tief bis zum Grundwasserspiegel.
Die Funde machen religiöse Traditionen und jüdisches Leben im mittelalterlichen Köln sichtbar. Sie erinnern zugleich an Verfolgung und Vertreibung: 1349 kam es zu einem Pogrom, 1424 wurde die jüdische Gemeinde vertrieben. Die archäologischen Zeugnisse erzählen deshalb nicht nur von Bauwerken, sondern auch von einer wechselvollen Stadtgesellschaft und ihrer Gewaltgeschichte.
MiQua soll die Schichten miteinander verbinden
Das MiQua, das LVR-Jüdische Museum im Archäologischen Quartier Köln, ist als Ort geplant, an dem die verschiedenen historischen Schichten gemeinsam erfahrbar werden. Ein unterirdischer Rundgang soll rund 2.000 Jahre Stadtgeschichte erschließen. Nach aktuellem Planungsstand ist die Eröffnung für 2029 vorgesehen. Der archäologische Bereich ist im November 2026 noch kein regulär zugängliches Ausflugsziel.
Wer sich schon vorher mit den Funden beschäftigen möchte, findet im MiQua:forum am Alter Markt Informationen über die archäologischen Entdeckungen und das entstehende Museum. Die Angaben zum Besuch können sich ändern; aktuelle Hinweise sollten vor einem Besuch geprüft werden.
Düsseldorf: Festungsmauern unter der Innenstadt
Während Kölns Fundlandschaft am Rathausplatz römische und mittelalterliche Geschichte übereinanderlegt, prägen in Düsseldorf vor allem die einstigen Befestigungsanlagen den Blick in den Boden. Die Stadt wurde besonders vom 16. bis zum 18. Jahrhundert zu einer Festungsstadt ausgebaut. Mauern, Bastionen, Stadttore und wassergefüllte Gräben schützten die Residenzstadt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden große Teile der Anlagen abgetragen und Gräben verfüllt. Straßen und neue Gebäude veränderten das Stadtbild – doch nicht alle Spuren verschwanden.
Beim Bau der Wehrhahn-Linie und des Kö-Bogens kamen umfangreiche Überreste der Befestigungen ans Licht. Unter dem damaligen Jan-Wellem-Platz wurde 2011 ein etwa 20 Meter langes Mauerstück aus dem 18. Jahrhundert entdeckt. Es war stellenweise noch bis zu 2,50 Meter hoch. Um einen Abschnitt zu erhalten, wurde ein sieben Meter langes Stück geborgen und dafür in mehrere Teile zerlegt.
Archäologische Funde sind in Düsseldorf nicht nur Gegenstand von Ausgrabungen. Im U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee präsentiert der ArcheoPoint historische Bauteile und Funde aus den Arbeiten rund um die Wehrhahn-Linie und den Kö-Bogen. So begegnet die Festungsgeschichte dort dem heutigen Pendleralltag.
Auch 2026 gab es eine neue Entdeckung: Beim Umbau des Behrensbaus am Mannesmannufer wurden Anfang des Jahres rund 3,5 Meter unter dem heutigen Straßenniveau Reste einer Festungsanlage aus dem 18. Jahrhundert gefunden. Sie gehören zur sogenannten oberrheinischen Front. Der Fund kann neue Erkenntnisse über den Aufbau der Befestigung liefern.
Eine andere, persönlichere Seite der Vergangenheit zeigt sich bei der Lambertuskirche. Bei Leitungs- und Sanierungsarbeiten wurden dort in verschiedenen Jahren historische Gräber entdeckt; einige lagen nur etwa 60 Zentimeter unter dem Pflaster. Grünliche Verfärbungen an Schädeln stammten von korrodierten Kupferdrähten sogenannter Totenkronen. Diese wurden in bestimmten Epochen unverheirateten Verstorbenen mit ins Grab gegeben. Die Funde rücken einzelne Menschen und Begräbnisrituale in den Mittelpunkt – eine andere Perspektive als die mächtigen Mauern der Festungsstadt.
Bonn: Spuren einer römischen Militärstadt
Bonn war bereits in der Antike ein wichtiger Militärstandort am Rhein. Das Legionslager lag im Bereich des heutigen Stadtteils Bonn-Castell. Zu einer solchen Anlage gehörten neben Unterkünften auch Straßen, Werkstätten, Lagerräume sowie Einrichtungen zur Wasserver- und Abwasserentsorgung. Archäologische Untersuchungen machen Teile dieser Infrastruktur greifbar.
Im Bereich des ehemaligen Legionslagers wurde ein aufwendig gebauter römischer Abwasserkanal gefunden. Er zeigt, dass die Versorgung und Entsorgung einer großen Militäranlage geplant und organisiert werden mussten. Ein weiterer Fund liegt im Bereich des Collegium Albertinum: Bei Umbauarbeiten wurde dort 1988 eine römische Badeanlage entdeckt, die zu einem größeren militärischen Gebäudekomplex südlich des eigentlichen Legionslagers gehörte.
Das Collegium Albertinum ist kein regulär öffentlich zugängliches Museum. Wer die Thermen sehen möchte, sollte eine Besichtigung vorab mit dem Haus abstimmen. Das LVR-LandesMuseum Bonn ist ein zentraler Ort für Archäologie und Kulturgeschichte des Rheinlands. Seine archäologische Dauerausstellung befindet sich im Umbau und soll im März 2027 wiedereröffnen.
Drei Städte, drei verschiedene Unterwelten
Die Funde erzählen keine einheitliche Geschichte des Rheinlands. Köln zeigt, wie sich ein römisches Verwaltungszentrum und ein mittelalterliches jüdisches Viertel am selben Ort ablösten und überlagerten. Düsseldorf macht die frühere militärische Bedeutung seiner Residenzstadt unter heutigen Straßen sichtbar. Bonn wiederum bewahrt Hinweise auf den Alltag und die technische Infrastruktur eines römischen Legionsstandorts.
Gemeinsam ist den Städten, dass ihre Geschichte nicht an der Oberfläche endet. Bauarbeiten eröffnen immer wieder Gelegenheiten, bislang verborgene Bereiche zu untersuchen. Manche Funde können erhalten oder in neue Gebäude einbezogen werden. Andere werden vermessen, fotografiert und dokumentiert, bevor gebaut wird. So wächst das Wissen über die Städte auch dann weiter, wenn ein Fund später nicht mehr sichtbar ist.
Für den nächsten Stadtspaziergang in Köln ist das ein guter Perspektivwechsel: Der Rathausplatz ist nicht nur ein Platz im Zentrum. Unter ihm liegen Zeugnisse von römischer Verwaltung und mittelalterlichem jüdischem Leben – und damit Geschichten, die den Blick auf die Gegenwart der Domstadt erweitern.